476
[395/396]
litikern. — Im allgemeinen aber ist bei gut organisierten Gesellschaften der
R e i c h t u m a n d i e p o l i t i s c h e , k i r c h l i c h e , a m t l i c h e V e r -
r i c h t u n g u n d F ü h r e r s t e l l u n g enger angeknüpft, folgt daher der
Ehrenstellung mehr nach als in der kapitalistischen Gesellschaft. Den Reichtum an
die Stellung und Verrichtung zu binden, nicht an die Person und auch nicht
allein an die wirtschaftliche Tätigkeit, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen
zur Lösung der „sozialen Frage“.
II. Die Politik oder Staatskunst
A.
Das W e s e n d e r P o l i t i k
Das Wort Politik ist zweideutig. Es bedeutet die Staatskunst oder
sogenannte praktische Politik und die Staatskunstlehre oder die
soziologische Lehre von den politischen Vorgängen. Staatskunst,
praktische Politik / kann kurz als der W e t t s t r e i t d e r
B ü n d n i s s e bezeichnet werden. Das Ziel dieses Wettstreites ist:
ein organisatorisches Gut, bestehend in jenen Maßnahmen (Veran-
staltungen), welche vom Staat oder von anderen Körperschaften er-
langt werden sollen. Das Wesen der politischen Handlung ist dem-
nach näher dahin zu bezeichnen: daß es auf die Erlangung günstiger
o r g a n i s a t o r i s c h e r B e d i n g u n g e n für die betreffenden
Ziele und Tätigkeiten geht.
Aus dieser Bestimmung sind alle Eigenschaften und Begriffsele-
mente der Politik abzuleiten. Damit ist sie nämlich:
erstens eine Tätigkeit, die sich durchaus nicht unmittelbar auf den
Staat richten muß, denn organisatorische Bedingungen werden auch
von Provinzen, Gemeinden, zünftigen Gruppen, privaten Vereinen
dargeboten. Es gibt eine Vereinspolitik und Zunftpolitik ebensogut
wie eine Staatspolitik.
Zweitens ist Politik also nur öffentlichen, nicht staatlichen Cha-
rakters, eine Tätigkeit, die auf Hervorrufung von Veranstaltung ge-
richtet ist, eine a n s t a l t b i l d e n d e T ä t i g k e i t (was wir
als „Hilfshandeln höherer Ordnung“ bezeichnet haben). Der „an-
staltbildenden Tätigkeit“ entspricht es natürlich, daß die Träger der
Politik die M a c h t ergreifen wollen, nach der Macht streben. Je-
doch ist nicht das „Machtstreben“ dabei das Erste, wie die naturali-
stische Soziologie behauptet, sondern der Zweck des Machtgebrau-
ches: die Anstaltbildung.