298
[328/329]
die aber, so wie sie ihrem Inhalte nach vor dem Wissen liegt, auch
als richtige und unrichtige Setzung, als geschehene oder unterlassene
Setzung, etwas durchaus Irrationales am Grunde hat.
Von diesem Punkte der Betrachtung aus ist schon Wissen selbst
das Erscheinen eines irrationalen Geschehens im Vorbewußten. Es
ist ein Weiterschaffen des Geschaffen-worden-Seins, ein Weitergeben
des Erlangten. Das Irrationale kann / daher auch im Wissen nicht
aufgelöst werden. Es bleibt am Grunde, es bleibt als Tatsache, als
schlechthin Gegebenes am Grunde.
Dieses Irrationale wurde übrigens in der späteren Lehre Fichtes (siehe dritter
Teil der „Bestimmung des Menschen“
1
, wo das Mystische des Nichts erklärt
wird) hervorgehoben. Der Fehler der reinen Setzungslehre Fichtes liegt darin, daß
sie das „Wissen“, den Bewußtseinsakt, rein auf das Verhältnis Setzender — Ge-
setztes gründet. Bei Fichte führt diese Fassung bekanntlich dahin, den Gegenstand
als das schlechthin, als das nur dem Ich Entgegengesetzte, als N i c h t - I c h zu
erklären und dadurch die Natur zu entselbsten, ein Mangel, den erst Schellings
Naturphilosophie gutmachte. Aber die Naturphilosophie berichtigte nicht den Aus-
gangspunkt der Setzungslehre selbst, sondern hob nur die gemeinsame Quelle
der Setzung des Ich und der Natur hervor. Wäre aber am Geiste der Fluß
einander weitergebender Setzungen betrachtet worden, dann wäre das Schöpferische,
das Uber-Rationale zum Vorschein gekommen. — Die spätere Schellingische
psychologische Schule, der jüngere Fichte und andere suchten diesen Fehler zu
berichtigen; sie entdeckten dabei das Vorbewußte
2
, aber sie berichtigten nicht
die Setzungslehre selbst.
C.
Der G e i s t a l s S t u f e n f o l g e v o n
A u s g l i e d e r u n g e n u n d R ü c k v e r b i n d u n g e n
Betrachten wir den Geist nach seinem eigenen Schaffen oder Aus-
gliedern, so finden wir in ihm eine Stufenfolge von Ausgliederun-
gen, und zwar sind es drei Stufen, in welchen der Geist vom Ge-
schaffenwerden überfließt. Über diese schon öfters betrachtete Stu-
fenfolge genügen wenige Bemerkungen.
Als e r s t e S t u f e ergibt sich die „Annahme“ des zu Schauenden (durch
das Glied-Sein oder die Hingebung in der Gezweiung ermöglicht). In ihr ge-
schieht die erste Tat eigenen Schaffens. Sie leitet das Weitergeben ein durch die
„Willfährigkeit zum Schauen“, in der sich dann die Aufnahme und Auswirkung
1
Johann Gottlieb Fichte: Die Bestimmung des Menschen, Werke, heraus-
gegeben von Fritz Medicus, Bd 3, 3. Aufl., Leipzig 1921 ( = Philosophische Biblio-
thek, Bd 129 c).
2
Siehe oben S. 208 f.