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Mozarts Requiem! Die Welt muß unaufhörlich erlöst werden, sonst
müßte sie in Verzweiflung vergehen.
Die Erlösung als geschichtliche Weise im angegebenen Sinne ist
kein leeres Wort, sondern eine durch Zergliederung der Wirklich-
keit gewonnene Erkenntnis. Aus ihr folgern wir metaphysische
Kräfte in der Geschichte, ebenso notwendig wie der menschliche
Geist daraus von Anbeginn Religion und Erlösungsglauben schöpfte.
Ohne metaphysische Erlösungskraft keine Geschichte.
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Die Frage, warum dann die Welt nicht ganz erlöst werde, bleibt
bestehen. Sie gehört aber nicht der geschichtlichen Kategorienlehre
an.
Die Person Christi, möge sie nun betrachtet werden vom Stand-
punkte strenger Gläubigkeit oder rein äußerlicher Geschichtsschrei-
bung, sie zeigt uns beides: höchste Erfüllung, höchste Teleologie,
höchste Vollkommenheit, und zum andern schlimmste Widerspen-
stigkeit der Welt, tiefste Finsternis, Ungestalt, Zusammenbruch. Die
Geschichte erkennt in Christi Person die lauterste geistige Erschei-
nung, die in die Welt trat, höchste Gestaltungskraft, die seit zwei
Jahrtausenden die Welt umbildet und noch heute bewegt; aber auf
der anderen Seite muß die Geschichte feststellen, daß sogar das
Vollkommenste von Chaos, Verrat, Unholdentum, Blindwütigkeit
nicht verschont bleibt.
Da haben wir zugleich das Sinnbild der Geschichte. Es gibt nichts
Vollkommenes, das nicht vom Gestaltlosen (Chaos, άπειρον) mit-
gerissen würde. Der Gipfel der Religionsgeschichte, an dem wir
stehen, wo das Christentum in die Welt tritt, er zeigt uns den
Gipfel der Tragik. Wir erkennen darin das Malzeichen der Tragik,
die durch die gesamte Geschichte geht. Alles Werden ist dem Ver-
derben ausgesetzt; aber daß es weiterhin seinen Gang nimmt, zeugt
dafür, daß ein Metaphysisches am Grunde ist, welches die Verderb-
nis zu bändigen Gewalt hat.
V. Die Umgliederungsordnung
Lehrsatz 4: Umgliederung hat die Weise der Umgliederungs-
ordnung.
Eine Schicksalsfrage aller Geschichtsphilosophie ist, welchen Zu-
sammenhang die wiederholten Schritte der Rücknahme und Wie-