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4.
Die Lehre von der Wechselwirkung zwischen Geist und Leib
Diese Lehre behauptet eine unmittelbare Einwirkung des Leibes
und Geistes aufeinander. Genauer durchdacht ist sie aber unvoll-
ziehbar. Schon grundsätzlich begeht sie den Fehler, den Geist als
naturlos voraussetzen zu müssen — denn wenn er nicht an sich be-
stände, könnte er auf den Leib nicht einwirken ( n a c h t r ä g l i c h
einwirken!). — Aber auch darüber hinaus hat die Lehre von der un-
mittelbaren Einwirkung des Geistes und Leibes aufeinander ihre
Schwierigkeiten (wobei wir die jetzt allgemein aufgegebene frühere
Fassung des „Influxus physicus“, der unräumlichen Seele mittels
eines eigenen Seelenorganes — im Gehirn — übergehen):
a)
w e i l n u r A r t g l e i c h e s a u f e i n a n d e r w i r k e n
k a n n . Daß eine Billardkugel die andere s t ö ß t , ist verständlich,
daß sie etwas stößt, was sich selbst nicht stoßen läßt, weil es unstoff-
lich ist, (den Geist) ist unbegreiflich; noch unbegreiflicher, daß sie
dort eine Empfindung hervorrufen soll. — Ebenso gilt von der Seite
des Geistes her: Geist kann nur auf Geist wirken. Auf das Grob-
stoffliche, Lastbare kann er nicht wirken. — Die Wechselwirkungs-
lehre ist aber
b)
auch deswegen unzulänglich, w e i l d a n n e i n e v o l l -
s t ä n d i g e G 1 e i c h o r d n u n g v o n L e i b u n d G e i s t
s t a t t f i n d e n m ü ß t e . Denn wenn das eine auf das andere
schlechthin wirkt, dann läßt sich eine Überlegenheit des Geistes,
die doch, wenn man den Begriff des Geistes einmal anerkennt (wie
das hier geschieht), unbedingt eingeräumt werden muß, nicht mehr
feststellen.
/
5. Die Lehre der Identitätsphilosophie
Für diese Lehre, wie sie namentlich durch Hegel und die Hegel-
schule ausgebildet wurde, ist kennzeichnend, was Johann Eduard
Erdmann in einer dieser Frage gewidmeten Schrift ausführt
1
. Der
Begriff des Geistes sei Negation der Natur, und das heißt Freiheit,
zu sein. Freiheit könne nur dort sein, wo etwas (der Gegenstand,
die Natur) zu überwinden sei. Nun ist die Natur nach Hegel selbst
1
Johann Eduard Erdmann: Leib und Seele,
z.
Aufl., Halle 1849.