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keit, so eine Pflicht zur Tugend der Wissensaneignung, Beflissenheit
und Verstandesstärke, zur Schönheitsliebe, Kunstbeflissenheit, zur
Tapferkeit usw. Pflichten und Tugenden haben gleiche Namen. Eine
eigene Pflichtenlehre neben der Tugendlehre ist unmöglich.
Die Denkaufgabe, die im Pflichtbegriffe enthalten ist, besteht
lediglich darin, jene „Verbindlichkeit“, in der Kant richtig das
Wesen der Pflicht sieht, zu erklären. Kant erklärt sie aus dem
s i t t l i c h e n A p r i o r i . U n d e i n s u b j e k t i v e s sittliches
Apriori, wie es Kant annimmt, kann in der Tat nur zum Pflicht-
begriffe (nicht zum Gutbegriffe) führen. Andererseits war darin
allerdings jene hochbedeutsame Überwindung des Empirismus be-
schlossen, die das Kantische Lebenswerk überall bezeichnet. Nicht
der äußere Nutzen begründet nun bei Kant das Sittliche, wie die
Empiristen und Utilitätsethiker behaupteten, sondern eine apriori-
sche innere Notwendigkeit, Verbindlichkeit, Gültigkeit an sich.
Es ist unbedingt notwendig, daß dieser Pflichtbegriff, der nicht
auf Nützlichkeit beruht und darum in diesem Sinne, wie bei Kant,
immer eine a p r i o r i s c h e Verbindlichkeit bedeutet, aufrecht-
erhalten bleibe. Im Aufbau unserer Sittenlehre und Gesellschafts-
philosophie ergibt sich ebenfalls eine ü b e r e m p i r i s c h e V e r -
b i n d l i c h k e i t , also eine Apriorität aller sittlichen Forderun-
gen. Aber sie ist nicht nur s u b j e k t i v , wie bei Kant, sondern
weit umfassender, nämlich übersubjektiv, ontologisch
1
. Es ist die
„Ausgliederungsordnung“ des ob- / jektiven Geistes, der Ge-
meinschaft, welche den einzelnen Menschen die Richtung auf das
Vollkommene weist. Wodurch aber ist dieser Hinweis verbindlich?
Das ist die entscheidende Frage. Und sie löst sich durch den Begriff
der Gliedhaftigkeit des Einzelnen im objektiven Geiste. Wird der
Einzelne als selbstbestimmt (autark, isoliert) aufgefaßt, so ist die
Verbindlichkeit zur Eingliederung in ein Über-Dir nicht mehr aus
dem Wesen des Menschen abzuleiten. Anders, wenn er als gliedhaft
bestimmt, als in Gezweiung werdend verstanden wird. Die V e r -
1
Auch die Verbindlichkeit nur und unmittelbar auf Gottes W i l l e n zu
stützen, wie von scotistischer Seite geschieht, reicht nicht hin, da sie in diesem
Falle nicht aus dem W e s e n d e r D i n g e , der sittlichen Welt bewiesen wird.
Gottes bestimmter Wille schafft eine bestimmte Welt. Aus dem W e s e n u n d
d e m G e f ü g e dieser Welt muß für die Wissenschaft die Verbindlichkeit des
Sittlichen erklärt, bewiesen werden, nicht aus einem im Wesen der Schöpfung
nicht verankerten göttlichen Gebote — das hieße ja aus göttlicher Willkür!