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scheinungen ist die dialektische Fortschreitung als These ( + ), Antithese (—) und
Synthese (±).
Schelling selbst gab eine Erläuterung zu seiner Naturphilosophie in „Heinz
Widerporstens Glaubensbekenntnis“
1
.
„Wüßt’ auch nicht, wie mir vor der Welt könnt grausen,
Da ich sie kenne von innen und außen ...
Steckt zwar ein Riesengeist darinnen,
Ist aber versteinert mit allen Sinnen ...
Kann nicht aus dem engen Panzer heraus,
Noch sprengen sein eisern Kerkerhaus ...
Tut nach Bewußtsein mächtig ringen.
Daher der Dinge Quallität,
Weil er drinnen quallen und treiben tät...“
Wie eine Erläuterung dazu klingt auch die bekannte Entgegnung Goethes auf
H a l l e r s Verse:
„Ins Innre der Natur
Dringt kein erschaffner Geist,
Glückselig wem sie nur
Die äußre Schale weist.“
Worauf Goethe erwiderte:
„O du Philister,
Mich und Geschwister
Mögt Ihr an dieses Wort
Nur nicht erinnern,
Täglich und immerfort
Sind wir im Innern.
Natur hat weder Kern noch Schale
Alles ist sie mit einem Male.“
Die Aussicht, die ganze Natur als lebendige, geistige Welt zu begreifen, erregte
damals mächtig die Geister und bereitete der Naturphilosophie einen Siegeszug,
ohnegleichen in der Geschichte der Philosophie.
Eine Vorstellung davon gibt der Geologe H e n r i k S t e f f e n s , der in sei-
nem Werke „Was ich erlebte“
2
schreibt: „Ich fand bei meiner Zurückkunft
Schellings ,Ideen zu einer Philosophie der Natur'. Die Einleitung zu dieser Schrift
hat mein ganzes Dasein elastisch gehoben; es war der entschiedene Wendepunkt
in meinem Leben. Spinoza... zeigte mir den in sich verborgenen G o t t . . . Ich
[aber] erwartete, daß Gott sich gegen mich aufschließen sollte... Jetzt war es
mir, als vernähme ich den ersten Pulsschlag einer ruhenden Einheit, als regte
sich ein göttlich Lebendiges, die ersten Worte der zukünftigen Weihe auszuspre-
chen. Es herrschte eine Frische in dieser Einleitung, eine stille, in sich sichere
Begeisterung, die sich in Worten zu ergießen verschmäht, die auch damals elektri-
sierend wirkte und die Gegner, die sich waffneten, mit Angst erfüllte ...“ „... die
tiefste Hoffnung meines ganzen Lebens, die Natur in ihrer Mannigfaltigkeit geistig
aufzufassen, ergriff mich und bestimmte meine Tätigkeit für mein ganzes Leben.“ /
1
Schelling: Sämtliche Werke, Abt. 1, Bd 4, S. 546.
2
Henrik Steffens: Was ich erlebte, Aus der Erinnerung niedergeschrieben,
Breslau 1840—44, unter „Kiel 1797“, Bd 3, S. 377 ff.