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Auch in diesem Zusammenhange zeigt sich, daß „Gefühl“ keine arteigene
Grunderscheinung des Geistes sei. Vielmehr sind mindestens vier Bedeutungen
von „Gefühl“ zu unterscheiden:
1.
„Gefühl“ als Erlebnis, seelische Regung, Innewerden, ja Bewußtheit über-
haupt;
2.
„Gefühl“ als Lust- oder Unlustbetonung einer Sinnesempfindung;
3.
„Gefühl“ als Bezeichnung der Vorgänge im Gezweiungsbewußtsein, als
Bestandteil dessen, was vornehmlich das „Gemüt“ eines Menschen ausmacht;
4.
„Gefühl“ als Anzeiger des Gelingens oder Mißlingens, als Erfolgszeichen.
In keinem Falle gibt das einen brauchbaren Begriff.
Der alten Psychologie ist es nicht entgangen, daß darnach eine wahre All-
verbreitung des „Gefühls“ anzunehmen wäre, ja sie erfand einen eigenen Namen
dafür und nannte das seine Eigenschaft der „Universalität“. Diese Gefühlstheorie
ist nur verständlich, wenn man ihren Ursprung aus der Assoziationspsychologie
bedenkt, welche die Gefühle einfach als Begleitqualitäten der Sinnesempfindungen
auffaßt und diese Begriffsbestimmung auch durch alle „komplexen“ seelischen
Gebilde hindurch weiter verfolgt (sie demnach neben der Qualität auch nach
Dauer und Stärke — Intensität — ganz wie die Sinnesempfindung selbst be-
stimmt). Da nach der Assoziationslehre die Lustgefühle gleichsam „Gewichte“
für Willensentschlüsse sein sollen (die lustbetonten Empfindungsinhalte also „Mo-
tive“ werden), ist auch der assoziationstheoretische Ursprung des Geredes von
„aktiven“ Gefühlen klar, welche zu Willensentschlüssen hindrängen, während
die passiven die Entschlüsse lähmen sollen.
Wir geben zu, daß für den Bereich der Sinnlichkeit der Begriff des Gefühls
als einer Begleitqualität mit den angegebenen Eigenschaften verwendbar sei, wir
können aber nimmer zugeben, daß das „Gefühl“ / selbst eine Grunderscheinung
wäre, welche sich mit Vorstellen (Denken) und Wollen in die Beute des mensch-
lichen Seelenlebens zu teilen hätte. Das, was man „höhere Gefühle“ nennt, z. B. die
Entdeckerfreude des Denkers, die Schöpferseligkeit des Künstlers, kommt nicht
von unten her, nicht von den Sinnesempfindungen und hat mit diesen überhaupt
nichts zu tun. — Das gleiche sensualistisch-assoziationstheoretische Gepräge trägt
die „psychophysische“ Theorie des Gefühls, welche die psychophysischen Zu-
stände für sie verantwortlich macht, z. B. gute Ernährungszustände der zentralen
Nervenzentren mit Lust, schlechte mit Unlust gleichsetzt.
Zum Bedenklichsten bei solchem assoziationstheoretischen oder psycho-physisch-
materialistischen Gebrauche des Begriffes „Gefühl“ gehört es unseres Erachtens,
daß nirgends eine Mitte, ein Herd des Gefühls aufgezeigt werden kann. Denn
die „Gefühlsqualität“ soll ja darnach allverbreitet sein.
Der Herd des Gemütes ist das Gezweiungsbewußtsein. Dieses ist eine ur-
sprüngliche Erscheinung, eine Urtatsache des Geistes. Das „Gemüt“ ist daher
kein „Komplex“ von Erscheinungen, es ist nicht etwas, was sich aus einfachen
Elementen zusammensetzt und nachträglich aufbaut. Vielmehr liegt im Gezwei-
ungsbewußtsein, im Miterleben der seelischen Zustände Anderer, der Herd des
Gemütes. Wer andrer hat Gemüt als derjenige, der mit anderen Menschen lebt
und leibt, weint und lacht, freudig und traurig ist? Und wie ursprünglich eine
solche Erscheinung, wie unendlich schwer anlernbar, erziehbar sie ist, weiß jeder-
mann. „Weich“ oder „hart“ im Gemüte, leicht empfänglich oder unempfänglich,
Eingebungen der Gezweiungen nicht leicht zugänglich — das sind eben grund-
sätzliche Begabungsunterschiede, ähnlich wie die Ton- oder Bildbegabung. Ebenso
sind nun die ungeheuren Erschütterungen durch Enttäuschungen, die man an
anderen Personen erlebt, verständlich. Das Liebebewußtsein umfaßt das höchste